
Auf dem Bild „Rollenspiel“ ist ein Mädchen mit langen Haaren zu sehen. Ihr Blick richtet sich zur Seite, als suche sie nach etwas außerhalb des Bildes. Teile ihres Gesichts werden von maskenartigen Formen überlagert. Ihre Hände sind nicht eindeutig zu erkennen. Es bleibt offen, ob sie in den Hosentaschen stecken oder gar nicht dargestellt sind. Auch ihre Beine finden keinen festen Abschluss, sondern verlieren sich nach unten hin im Nichts.
Neben dem Mädchen erscheint ein Schatten. Dieser Schatten ist größer als die Figur selbst und wirkt wie eine eigenständige Präsenz. Im Schwarzlicht verändert sich die Wirkung des Bildes noch einmal deutlich. Neongelbe und neongrüne Nebel, Streifen und Lichtspuren umgeben das Mädchen. Einige dieser Linien verlaufen über ihren Körper hinweg und lassen die Grenzen der Figur verschwimmen.
Je länger ich das Bild betrachte, desto nachdenklicher werde ich.
Das Mädchen erinnert mich an die Erfahrungen, die viele Menschen bereits in jungen Jahren machen. Kein Kind wächst völlig unbeeinflusst auf. Eltern, Familie, Schule, Freundeskreis und gesellschaftliche Erwartungen hinterlassen Spuren. Aus diesen Einflüssen entsteht nach und nach ein Bild davon, wie man sein sollte und wie man sich verhalten sollte.
Die maskenhaften Formen auf dem Gesicht des Mädchens lassen mich an die verschiedenen Rollen denken, die wir im Lauf unseres Lebens übernehmen. Oft geschieht dies unbewusst. Wir lernen früh, welches Verhalten Anerkennung bringt und welches Verhalten auf Ablehnung stößt. Viele Menschen beginnen deshalb schon in jungen Jahren, sich anzupassen.
Der große Schatten neben dem Mädchen erscheint mir wie eine Symbolfigur für solche Prägungen. Er steht für Erziehung, Erwartungen oder Erfahrungen, die uns begleiten. Der Schatten wirkt größer als das Mädchen selbst. Dadurch entsteht für mich der Eindruck, dass diese äußeren Einflüsse zeitweise mehr Raum einnehmen als die eigene Persönlichkeit.
Auch die neongelben und neongrünen Nebel im Schwarzlicht wirken auf mich wie Kräfte von außen. Sie haben keinen Namen und keine klare Form. Trotzdem sind sie präsent. Sie durchdringen die Figur und beeinflussen sie. Genauso begegnen uns im Alltag unzählige Meinungen, Bilder und Vorstellungen, die auf unser Denken und Handeln einwirken.
Besonders berührt mich, dass das Mädchen keinen festen Boden unter den Füßen hat. Es scheint nicht wirklich verankert zu sein. Gleichzeitig bleiben die Hände verborgen. Für mich entsteht dadurch das Bild eines Menschen, der sich so sehr darum bemüht, alles richtig zu machen, dass der Kontakt zur eigenen Handlungsfähigkeit verloren geht.
Vielleicht kennen viele Menschen dieses Gefühl. Wer ständig versucht, Erwartungen zu erfüllen, verliert manchmal den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen. Man richtet den Blick nach außen und fragt sich, was richtig ist, statt darauf zu hören, was sich stimmig anfühlt.Genau deshalb beschäftigt mich dieses Bild so sehr.
Ich frage mich nicht nur, wie solche Prägungen entstehen. Vielmehr frage ich mich, wie wir wieder aus ihnen herausfinden können. Wie gelingt es uns, die eigene Stimme zwischen all den Stimmen wahrzunehmen, die uns seit Jahren begleiten? Wie finden wir zurück zu dem, was wirklich zu uns gehört?
Eine abschließende Antwort habe ich darauf nicht. Vielleicht liegt der erste Schritt jedoch darin, die Frage überhaupt zu stellen. Wer beginnt, die eigenen Rollen zu hinterfragen, entdeckt möglicherweise nach und nach wieder festen Boden unter den Füßen. Wer den Mut findet, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, gewinnt vielleicht auch die Fähigkeit zurück, das eigene Leben bewusst zu gestalten.
Das Mädchen auf dem Bild scheint noch auf diesem Weg zu sein. Genau deshalb berührt es mich. Seine Suche ist nicht nur seine Suche. Sie ist ein Stück weit auch unsere eigene.
