Wie lange hast Du für das Bild gebraucht?
Eine einfache Frage – und warum ich sie trotzdem nicht so einfach beantworten kann.
Wenn jemand vor meinem Bild steht und fragt:
„Wie lange hast du dafür gebraucht?“
… dann lächle ich.
Nicht, weil ich die Antwort nicht kenne.
Sondern weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll zu zählen.
Beim ersten Pinselstrich?
Beim Aufbau des Sets?
Bei der Fahrt nach Sassnitz?
Oder vielleicht an diesem einen Abend, als ich durch Social Media scrollte und plötzlich dieser Leuchtturm auftauchte? Vereist, still, fast unwirklich. Und ich sofort wusste: Da muss ich hin. Nicht irgendwann. Jetzt.
Eine kleine, inoffizielle Reisekostenabrechnung
Wenn ich es ganz formal betrachten würde (was ich nicht tue, aber nur mal angenommen), sähe das vielleicht so aus:
Antrag zur Erstattung der Reisekosten zum Projekt „Vereister Leuchtturm, Rügen“
- Recherche auf Social-Media-Kanälen
- Abstimmung mit allen Teammitgliedern (ich nenne es so, mein Mann wahrscheinlich anders)
- Reiseplanung und Buchung
- Reisezeit: 5 Stunden hin, 5 Stunden zurück – ich bin nicht selbst gefahren und konnte diese Zeit für weitere Recherche und Denkarbeit nutzen
- Drei Tage vor Ort: laufen, schauen, frieren, wieder schauen, Gespräche, Beobachtungen, Dokumentation
- Mehrere hundert Fotos, von denen später genau sieben wichtig waren
- Aufbau von Set, Licht, Kamera, Farben, Leinwand und Werkzeugen
- Malen: fünf Sessions à zwei Stunden
- Dazwischen: stehen bleiben, weitergehen, zurückkommen, zweifeln, übermalen, nochmal schauen
- Der Moment, in dem es still wird und sich alles richtig anfühlt: nicht planbar
- Finish: zwei, drei Stunden
- Im Hintergrund: Jahre an Erfahrung, die einfach mitlaufen
Wenn ich das alles addieren würde, käme ich auf viele Stunden.
Und trotzdem würde sich diese Zahl nicht richtig anfühlen.
Denn ein Bild entsteht für mich nicht nur in der Zeit, in der ich den Pinsel in der Hand halte.
Ich lebe mich hinein.
Ich schaue, bis ich wirklich sehe.
Ich bleibe, bis etwas in mir ruhig wird.
Und irgendwann passiert dieser leise Moment, in dem sich alles fügt.
Es fällt an seinen Platz. Es setzt sich. Es fühlt sich stimmig an.
So, als wäre ich angekommen.
Das Bild ist die zur Essenz gewordene Erinnerung. In ihm ist alles gespeichert, was sich mir jedes Mal neu zeigt, wenn ich es anschaue:
das Licht, die Kälte, die Weite, das Knirschen des Eises, mein Staunen, meine Demut, diese besondere Ruhe.
Ich erzähle das nicht, um etwas zu erklären oder zu rechtfertigen.Es beschäftigt mich einfach, und ich merke, dass es darauf keine Antwort gibt, die man in eine klare Rechnung packen könnte.
Vielleicht darf Kunst genau das sein: etwas, das sich nicht vollständig greifen oder berechnen lässt.
Keine Zahl in Geld, Zeit, Material oder Expertise. Sondern ein Werden, das sich im Staunen und in der Neugier zeigt, im Prozess und im Zweifel, in Fragen und Antworten, in den Räumen zwischen Grenzen.
Und dann, manchmal ganz überraschend, findet man sich in einem Neuland wieder, das sich vertraut anfühlt – fast wie ein Zuhause.
Wenn mich also das nächste Mal jemand fragt:
„Wie lange hast du dafür gebraucht?“
… werde ich vielleicht sagen:
Drei Tage in Sassnitz. Und ein bisschen länger.
Dann erzähle ich von den Erinnerungen dahinter.
Von dem, was ich gesehen, gespürt und mitgenommen habe
und versuche zu beschreiben, was dieses Bild für mich wirklich bedeutet.
So ist die Antwort keine Zahl, sondern etwas anderes:
Eine Verbindung.
Ein Anker.
Ein Gefühl.
Und vielleicht ist es am Ende ganz einfach wie ein leises „Es war einmal …“.
Der Anfang einer Geschichte, die nicht auf der Leinwand beginnt –
und auch dort nicht aufhört.








